Mit den korrekten Zahlen ist es eindeutig: Das oberste Prozent kriegt immer mehr vom Kuchen
Ein Gastbeitrag von David Gallusser, Wissenschaftlicher Mitarbeiter SGB
Die Schweiz am Sonntag publizierte in ihrer aktuellen Ausgabe einen grossen Artikel unter dem Titel „Die Hatz auf Reiche ist eröffnet“ (http://www.sonntagonline.ch/ressort/aktuell/2920/). Darin warnen die Autoren vor „populistischen Allianzen von Linken und Rechten“, wenn es „um den Angriff auf Abzocker“ gehe.
In einem Kasten beweisen die Autoren scheinbar, dass es in der Schweiz gar keine Zunahme der Einkommenskonzentration gäbe: Der Anteil des einkommensstärksten Prozents der SchweizerInnen sei seit den 1980er Jahren „ziemlich konstant“ und sogar tiefer als „in den 70er-jahren oder davor“. Wörtlich zieht der Artikel folgenden Schluss: „Das heisst, die reichsten Schweizer (das oberste Prozent) haben heute ein kleineres Kuchenstück als vor fünfzig Jahren.“
Die Autoren stützen sich dabei auf die Ergebnisse einer Studie der beiden Luzerner Ökonomen Christoph Schaltegger und Christoph Gorgas (http://www.crema-research.ch/papers/2011-06.pdf) aus dem Jahr 2011. Das Problem ist, dass diese Studie die Einkommenskonzentration in der Schweiz unterschätzt:
Die Studie nimmt Steuerdaten als Grundlage und berücksichtigt in ihrer Berechnung nur „Normalfälle“ von Steuerpflichtigen. „Sonderfälle“ werden nicht berücksichtigt. Damit wird ein wesentlicher Teil der Steuerpflichtigen mit hohen Einkommen ausgeschlossen. Wie z.B. Pauschalbesteuerte, Pflichtige, die nicht für das ganze Jahr oder nur teilweise in der Schweiz besteuert werden (u.a. die berühmten Expats) oder auch Selbstständige mit hohen Kapitaleinkommen. Alle „Sonderfälle“ fasst die Eidgenössische Steuerverwaltung in diesem Faktenblatt zusammen.
Reto Föllmi und Isabel Martinez von der Uni St. Gallen (http://www1.vwa.unisg.ch/RePEc/usg/econwp/EWP-1227.pdf) haben Einkommensanteile mitsamt den Sonderfällen berechnet. Ihre Daten setzen die Reihe der international renommierten Ungleichheitsforscher Fabien Dell, Thomas Piketty und Emanuel Saez bis 2009 fort. Sie sind aktueller und besser für einen internationalen Vergleich geeignet.
Ihre Reihe findet sich in der Datenbank von Alvaredo et al. (“World Top Incomes Database“). Pikanterweise also in der Datenbank, die der „Sonntag“ für den Vergleich mit den übrigen Ländern zitiert.
Nimmt man die vollständigen und besser vergleichbaren Zahlen von Föllmi und Martinez, sieht das Bild anders aus:

Die Einkommenskonzentration beim obersten Prozent ist in der Schweiz deutlich höher als in Schweden und Frankreich – übrigens auch deutlich höher als in den meisten anderen europäischen Ländern.

Die Einkommenskonzentration in der Schweiz ist heute deutlich höher als in den 1970er Jahren. 2008 war sie sogar noch höher als Anfang der 1960er Jahre. 2009 ging sie wegen Finanzkrise leicht zurück.
Der Trend für die Schweiz ist seit Ende der 1970 eindeutig. Der Anteil des obersten Prozent an allen Einkommen nimmt zu. Verantwortlich dafür sind hauptsächlich die höchsten Löhne. Sie sind viel stärker gestiegen als die aller anderen.
Auch wenn noch keine neueren Zahlen vorliegen, wird sich der Trend höchstwahrscheinlich fortsetzen. Die Zahl der Lohnmillionäre (2'543 im Jahr 2010) ist beispielsweise höher als vor der Krise. Zudem wurden die Gehälter und Boni der Kader kaum nach unten korrigiert und steigen schon wieder. Gleichzeitig erhielten die NormalverdienerInnen in den letzten drei Jahren nur bescheidene Lohnerhöhungen.
Müssen wir also davon ausgehen, dass die Autoren der „Schweiz am Sonntag“ absichtlich falsche Zahlen verwenden? Nein. Aber die Journalisten sollten ihre Quellen in Zukunft kritischer hinterfragen: Zahlen und Grafik wurden offenbar ohne Prüfung aus einer Economiesuisse-Publikation (http://www.economiesuisse.ch/de/PDF%20Download%20Files/dp07_Steuersysteme_web.pdf) übernommen.
Übrigens: Wir betrachten hier nur die steigenden Einkommensanteile der obersten Prozents. Mehr zur Verteilung von Löhnen, Einkommen und Vermögen findet sich im Verteilungsbericht des SGB, www.verteilungsbericht.ch.
- 2 Kommentare Kommentar(e)
Mein Kommentar
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26. April 2013
Grafik zeigt die Tatsache
Die zweite Grafik zeigt nichts als die Tatsache, dass das oberste Prozent seit Anfang der 1980er-Jahre den Anteil am Kuchen stetig steigern konnte.
Daran ändert auch nicht, dass die Ungleichheit in den USA grösser ist oder Anfang der 1960er-Jahre einmal ein ähnliches Niveau erreicht hatte.
24. April 2013
Grafikverfälschung
obwohl ich für die 1:12 initiative bin: die einkommensgrafik, welche nur die schweiz darstellt, ist doch sehr beschönigend. würden nur wenige jahre mehr in die vergangenheit angezeigt werden, würde man merken, dass die einkommen erst gerade gesunken sind. so sieht es natürlich schön aus, aber es verfälscht das bild und va die meinung!